Auf der Suche nach queerer Geschichte
LGBTQ-Repräsentation und nationale Gedächtnisnarrative im ehemalig jugoslawischen Raum
DOI:
https://doi.org/10.17892/app.2025.00021.417Schlagworte:
Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, Slowenien, Nordmazedonien, queer, Kino, Erinnerung, TraumaAbstract
Im Jahr 2024 wurde Ivona Jukas Film Lijepa večer, lijepi dan / Schöner Abend, schöner Tag (2024, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Polen, Kanada, Zypern) einstimmig als kroatischer Beitrag für den Oscar in der Kategorie „Bester internationaler Spielfilm“ ausgewählt. Für viele kam diese Entscheidung überraschend. Zum einen löste der Film Kontroversen wegen seiner Darstellung queerer Intimität aus – explizite queere Sexualität sind im kroatischen Kino selten. Zum anderen erwies sich Schöner Abend, schöner Tag auch deshalb als umstritten, weil er sowohl die Geschichte des faschistischen Unabhängigen Staates Kroatien (1941–1945) als auch die des sozialistischen Jugoslawiens aus der Perspektive seiner schwulen Hauptfiguren erzählt, die im Film mit einem Streben nach Freiheit und Widerstand gegen Zensur gleichgesetzt und eindeutig als Helden dargestellt werden.
Während die Entscheidung, nationale Geschichte durch LGBTQ-Figuren zu erzählen, auf den ersten Blick überraschend erscheinen mag, versteht dieser Artikel Jukas Film als Teil eines größeren Trends im queeren Kino der post-jugoslawischen Region. In diesem treten schwule und lesbische Figuren häufig in Erzählungen auf, die nationale Traumata und Erinnerung thematisieren. Ob Parada / Die Parade (Srđan Dragojević, 2011, Serbien, Kroatien, Nordmazedonien, Montenegro, Slowenien), Ustav Republike Hrvatske / Die Verfassung (Rajko Grlić, 2016, Kroatien, Tschechien, Slowenien, Republik Mazedonien) oder Go West (Ahmed Imamović, 2005, Bosnien und Herzegowina): Krieg, nationales Trauma und Queerness verschränken sich hier wiederholt auf der Leinwand und formen eine spezifische Geschichte des schwul-lesbischen Kinos der Region, das überwiegend von heterosexuellen Regisseuren geprägt ist, die entschieden rückblickend arbeiten. Vor diesem Hintergrund untersucht der Artikel, wie nationale Erinnerung im queeren Kino der Region verhandelt wird, und bietet eine vergleichende Analyse zentraler Filme mit queeren Figuren. Ziel ist es, zu klären, ob diese Filme tatsächlich als queer gelten können oder ob sie Queerness lediglich instrumentalisieren, um andere gesellschaftliche und v.a. politische Fragen des nationalen Gedächtnisses zu adressieren.
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